Mattering: Warum sich Menschen nur dort entfalten, wo sie sich wichtig fühlen

„Auf dich warten sie gerade.“ (mit ironischem Unterton)
„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“
„Nimm dich mal nicht so wichtig.“

Solche Aussagen sind mehr als nur spitze Bemerkungen. Sie untergraben unser Selbstwertgefühl – und sie treffen mitten ins Herz eines grundlegenden menschlichen Bedürfnisses: Wir alle wollen wertvoll sein und unseren Beitrag leisten.

Das englische Wort matter kannte ich nur aus „It doesn’t matter“„Es ist egal.“ 

Bis ich im Zug eine Podcastfolge von „Achtsam“ (Deutschlandfunk Nova) hörte:
➡️ Das Gefühl, wichtig zu sein – Mattering ist für unser Wohlbefinden essenziell

Sich mit dem Konzept des Mattering zu befassen, ist entscheidend gerade im Führungsalltag ist. Denn wer führt, prägt maßgeblich, ob Menschen im Arbeitskontext Mattering erleben – oder sich unsichtbar fühlen.


Was „Mattering“ wirklich bedeutet

Mattering beschreibt das Gefühl, gesehen, geschätzt und als bedeutsam erlebt zu werden. Es ist eng verbunden mit Selbstwirksamkeit (ich kann etwas bewirken) und Zugehörigkeit (ich bin Teil von etwas).

Wer Mattering erlebt, spürt:

  • Ich werde als Mensch wahrgenommen, nicht nur als Funktionsträger*in.
  • Meine Arbeit ist sinnvoll und trägt etwas bei.
  • Andere interessieren sich für mich und meine Meinung.
  • Ich darf gestalten, nicht nur ausführen.

Fehlt dieses Gefühl, entstehen Zweifel und Rückzug. Menschen beginnen dann oft zu resignieren – ein Prozess, der kaum auffällt, bis das Engagement spürbar nachlässt. Und die Person innerlich bereits gekündigt hat.


Mattering als Führungsaufgabe

Führung wirkt immer – ob bewusst oder unbewusst.
Das heißt: Jede Interaktion sendet Signale darüber, ob jemand zählt oder nicht. Ein fehlendes „Danke“, eine überhastet abgewürgte Idee, ein korrigierendes „Ja, aber …“ – all das kann Mattering untergraben.

Umgekehrt lässt sich Mattering gezielt stärken, wenn Führungskräfte:

  • Zuhören, ohne sofort zu bewerten. Echtes Zuhören ist einer der stärksten Wege, einem Menschen zu signalisieren: Du bist wichtig.
  • Erfolge sichtbar machen. Nicht nur Ergebnisse, auch Fortschritte verdienen Beachtung.
  • Verantwortung übertragen. Menschen wachsen an Bedeutung, wenn sie gestalten dürfen.
  • Brücken zwischen Arbeit und Sinn schlagen. Sich gegenseitig bewusst machen: Warum tun wir, was wir tun?

Führung, die Mattering fördert, ist keine Wohlfühlmaßnahme – sie ist ein Wettbewerbsvorteil. Teams, in denen sich die Menschen wichtig fühlen, zeigen nachweislich mehr Engagement, niedrigere Fluktuation und größere Innovationsbereitschaft.


Wenn Mattering fehlt: Ein Blick auf die Folgen

Ich habe oft erlebt, dass Mitarbeitende, die ihre Tätigkeit als sinnlos empfinden oder keinerlei Wertschätzung erfahren, langfristig an Motivation verlieren. Nicht selten enden solche Phasen in Burnout oder depressiven Episoden. So ging es ehrlicherweise ja auch mir vor vielen Jahren.

Dabei liegt die Lösung so oft in etwas Menschlichem, das kein Budget kostet: Aufmerksamkeit, Resonanz, Interesse.

Eine Führungskraft, die nach dem Meeting kurz sagt: „Das war ein wertvoller Beitrag – danke für deine Perspektive“, stärkt das Gefühl von Mattering nachhaltiger als jede Bonuszahlung. Mir ist bewusst, dass Führungskräfte nicht allein verantwortlich sind, damit sich die Mitarbeitenden gesehen fühlen, aber sie können doch mit gutem Beispiel vorangehen und ein Klima der Wertschätzung schaffen.


Fünf Fragen, die Führungskräfte stellen sollten

Die Leadership-Expertin Susan Peppercorn formulierte in ihrem Artikel „5 Questions Every Manager Needs to Ask Their Direct Reports“ (Harvard Business Review, 2022) Fragen, die wie ein Schlüssel zu Mattering wirken.

Wenn du als Führungskraft diese Fragen regelmäßig stellst, und vor allem auch aufmerksam zuhörst, was die Menschen antworten, ändert sich die Dynamik in deinem Team spürbar:

  1. Wie würdest du gern in unserer Organisation wachsen?
    → Signalisiert Interesse an der individuellen Entwicklung.
  2. Hast du das Gefühl, mit deiner Arbeit etwas Sinnvolles zu tun?
    → Öffnet die Tür zu Gesprächen über Sinn und Beitrag.
  3. Was brauchst du von mir, um optimal zu arbeiten?
    → Zeigt, dass Unterstützung kein Zeichen von Schwäche ist, sondern von Vertrauen.
  4. Was tun wir heute als Unternehmen noch nicht, was wir deiner Meinung nach tun sollten?
    → Ermächtigt Mitarbeitende, selbst Impulse zu setzen.
  5. Hast du die Möglichkeit, hier jeden Tag zu tun, was du am besten kannst?
    → Fördert Stärkenorientierung statt Defizitdenken.

Selbst wenn im ersten Moment zögerliche Antworten kommen – allein die Frage bewirkt schon, dass Menschen sich gehört und relevant fühlen. Probiere es also unbedingt einmal aus.


Das „Mattering Wheel“ – ein Kompass für Verbundenheit

Das Mattering Wheel zeigt vier Arenen, in denen wir Bedeutung erleben: Self, Relationships, Work und Community. Alle vier sind miteinander verbunden – und Self ist dabei die Basis:

  • Self – Wie gehe ich mit mir selbst um?
    Spüre ich Selbstakzeptanz, Selbstfürsorge und das Gefühl, mir selbst etwas wert zu sein? Ohne diese innere Grundlage kann Wertschätzung von außen oft gar nicht ankommen.
  • Relationships – Erlebe ich in meinen Beziehungen, dass ich wichtig bin?
    Hier geht es um Resonanz: Wird mir zugehört, werde ich ernst genommen, würden andere mich vermissen?
  • Work – Erlebe ich meine Arbeit als sinnvoll und wirksam?
    Fühle ich mich mit meiner Rolle, meinen Stärken und meinem Beitrag gesehen? Gerade hier haben Führungskräfte enormen Einfluss – etwa über Feedback, Aufgabenverteilung und Entwicklungsmöglichkeiten.
  • Community – Fühle ich mich als Teil von etwas Größerem?
    Sei es das Unternehmen, das Team, eine Fachcommunity oder ein gesellschaftliches Anliegen – Gemeinschaft verstärkt das Gefühl: Ich bin nicht nur dabei, ich mache einen Unterschied.

Für Führung heißt das: Du kannst direkt an Work und Relationships ansetzen – und damit indirekt auch Self stärken. Wenn Menschen am Arbeitsplatz regelmäßig erleben, dass sie zählen, wirkt sich das auf ihr Selbstbild und ihr Erleben von Gemeinschaft aus.

(Abbildung: Mattering Wheel, Quelle: cambridge.org)


Fazit: Mattering beginnt bei dir

In einer Arbeitswelt voller Tools, Prozesse und Kennzahlen wird leicht vergessen, was Menschen wirklich antreibt: das Gefühl, wichtig zu sein.

Mattering ist kein „Soft Skill“. Es ist ein Kern menschlicher Motivation und Resilienz. Führung, die Mattering ermöglicht, baut Brücken zwischen Menschen und Aufgaben – und damit zwischen Sinn und Erfolg.

Wenn du also das nächste Mal mit einem Teammitglied sprichst, frag dich:
Spürt diese Person gerade, dass sie zählt?
Denn genau dort beginnt echte Führung.

Ähnliche Beiträge

  • Empathie

    Vielleicht kennst du das:Dein Mitarbeiter bricht vor dir in Tränen aus und du spürst, wie dich das körperlich trifft. Deine Mitarbeiterin ist richtig wütend und dieses starke Gefühl überträgt sich auch auf dich. Zwei Ausprägungen der Empathie Überall liest man, Führungskräfte sollen empathisch sein. Aber hier gilt es, eine wichtige Unterscheidung zu machen. Empathie hat…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert